Kultur

Entwicklungstendenzen
Mit Erlangung der Unabhängigkeit gab es viele qualitative und strategische Änderungen im Kulturbereich. Unter anderem rückte die Frage nach der Rolle und der Bedeutung des kulturellen Erbes in den Vordergrund.
Seit Mitte der 90er Jahre ist ein Umbruch in der Entwicklung der Kultur Kasachstans sichtbar. Die Kulturschaffenden hatten begriffen, daß von ihrer Initiative und ihren Aktivitäten nicht nur die eigenen Leistungen, sondern sämtliche Bedingungen der kulturellen Entwicklung des Landes abhängen. Viele Kunst- und Kulturschaffenden gründeten eigene Bildungseinrichtungen, zu nennen sind unter anderem das Musikkolleg der Verdienten Künstlerin der Republik Kasachstan Shanija Aubakirowa, die Kunstschule der Kunstwissenschaftlerin Jewgenija Gutsaljuk, die Schule für Kunsttherapie von Bachyt Talkambajew, die Schule des Modernen Tanzes „Rosowaja Griwa“ („Rosa Mähne“ – benannt nach dem gleichnamigen Festival des modernen Tanzes) unter Leitung von Alla Burenkowa.
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Auch mehrere Künstlerverbände entstanden, darunter der Verband der Theaterschaffenden, der Verband der Choreographen und der Verband der Ballettmeister. Die Galerielandschaft wurde vielfältiger. Neben den bereits bekannten Galerien „Tengri-Umai“, „Ular“, „Wojadscher“ und „Retro“ sind heute viele andere erfolgreich tätig, darunter „Art-nawat“, „Oju“ und „Tribuna“. Es gibt auch Neues auf dem Markt der Literatur- und Kulturzeitschriften. Hier sei vor allem die Literatur- und Kunstzeitschrift „Pygmalion“ hervorgehoben, die in der nordkasachstanischen Stadt Rudny herausgegeben wird und sich an den neuesten experimentellen Literaturbewegungen orientiert. Erwähnenswert ist die in Russisch und Kasachisch erscheinende Kulturzeitschrift „Tamyr“, die in Zusammenarbeit mit progressiven Künstlern das Lesepublikum mit neuen intellektuellen Ideen bekanntmacht.
Die professionelle Kunst Kasachstans in allen ihren Spielarten und Gattungen entwickelte sich vornehmlich im 20. Jahrhundert. Sie ist ein Produkt von der eurasischen Denkweise unterliegenden Prinzipien, die europäische und lokale – kasachische – Formen und Themen in sich aufgenommen hat. Das Fundament ist die russische professionelle Schule mit ihren akademischen Bildungsprinzipien, die nationale Formen und Inhalte sowie die kasachische Mentalität adaptierte. Die Kulturpolitik des sowjetischen Kasachstans beinhaltete auch die Ausbildung begabter kasachischer Jugendlicher in den besten sowjetischen Hochschulen. Große Bedeutung hatte zudem, daß die bekanntesten Kulturschaffenden der UdSSR während des Großen Vaterländischen Krieges nach Alma-Ata evakuiert wurden. So war in den Kriegsjahren beispielsweise fast das ganze Kollektiv von Mosfilm in Alma-Ata tätig, und gerade hier wurde unter der Regie Sergej Eisensteins der Film „Iwan Grosny“ („Iwan der Schreckliche“) gedreht. An der erst kurz vor Ausbruch des Krieges gegründeten Gogol-Kunsthochschule zu Alma-Ata unterrichteten die besten sowjetischen Professoren. Unter diesen befanden sich A. Tscherkasski und Dmitri Mitrochin. Damals wurde auch das erste Kinder- und Jugendtheater gegründet – das „Theater des jungen Zuschauers“ (TjuS) unter der Leitung von Natalia Zaz. Deren Namen trägt das Theater übrigens auch heute noch. All diese Faktoren spielten eine Rolle, so daß sowohl die Ausbildung als auch die künstlerische Praxis durch ein hohes Maß an professioneller Kreativität gekennzeichnet waren, für die auch die Gegenwartskunst Kasachstans berühmt ist.
Astana mausert sich zu einem wichtigen kulturellen Zentrum. Eines der spektakulärsten Ereignisse im Jahre 2000 war die Eröffnung des Kulturzentrums des Präsidenten. Dieses Zentrum ist Forschungs-, Kultur-, Wissenschafts- und Bildungskomplex in einem. Vergleichbares gibt es in keinem anderen der GUS-Staaten. Das einmalige an diesem Zentrum ist, daß ihm ein Museum, eine Bibliothek und ein Konzertsaal angegliedert sind.
Fast schon traditionell werden internationale Festivals und Wettbewerbe in Astana veranstaltet. Zur Tradition wurden auch das Festival der Völkerfreundschaft und Wettbewerbe wie das Festival der kreativen Jugend „Schabyt“, Kasachstans Lied des Jahres „Goldene Platte“, das Liedermacherfestival, die republikanischen Wettbewerbe (auf kasachisch „Aitys“) der Akynen (Stehgreifdichter) sowie der Wettbewerb „Tasscha Bala“.
Am 1. Januar standen unter der Ägide des Kulturministeriums 48 Theater, 21 Filmhäuser und 291 mobile Kinos, 31 Konzertorganisationen, 3399 Bibliotheken, 154 Museen, 1988 Klubs, 25 Volksparks und vier Zoologische Gärten.
Praktisch alle Kultureinrichtungen auf allen Verwaltungs- und Gebietsebenen konnten wiederbelebt werden. Nicht nur die finanzielle Ausstattung, sondern auch die künstlerischen Leistungen sind besser geworden. Kasachstan präsentiert sich auf der internationalen Bühne in vielen Bereichen auf höchstem Niveau.
Ein wichtiger Aspekt des kulturellen Neubeginns war die Ausarbeitung der gesetzlichen Grundlage zur Förderung der Kultur. In Kürze steht die Annahme der Gesetze „Über die Kultur“ und „Über das Filmwesen“ an.
Besonderer Wert wird auf die Ausbildung qualifizierter Fachleute gelegt. So werden im Jahre 2005 vom Kasachstanischen Forschungszentrum für Kultur- und Kunstwissenschaften Weiterbildungskurse für die Mitarbeiter kultureller Einrichtungen durchgeführt. Für die systematische Fortbildung der Mitarbeiter im Kulturbereich sollen Kurse und Seminare angeboten werden.
Obwohl Kasachstan ein multiethnisches Land ist, bleibt das strategische Ziel der Kulturförderung nach wie vor die Herausbildung eines einheitlichen Kultur- und Informationsraumes. Denn nur so kann das geistige Potential freigelegt und das Land als Nation von der Weltgemeinschaft anerkannt werden.
Die Frage der Entwicklung der Kultur in ländlichen Gebieten hat dabei einen großen Stellenwert. Das Kulturministerium war unmittelbar an der Ausarbeitung des staatlichen Programmes zur Förderung ländlicher Räume in den Jahren 2004 bis 2010 beteiligt. Vorgesehen ist unter anderem die Gründung von Kultureinrichtungen auf dem Land.
Das Kulturministerium bemüht sich intensiv um die Pflege und Förderung der heimischen Kunst und Kultur sowie um den Ausbau der internationalen Kulturbeziehungen. Anliegen ist, das Ansehen der kasachischen Kultur weltweit zu steigern und sie in die modernen Entwicklungstendenzen zu integrieren. Dabei sind der Grad der Einbeziehung in globale Prozesse und die Existenz eines eigenen Informationsraumes ausschlaggebende Faktoren für die öffentliche Meinung über den Entwicklungsstand des Landes im allgemeinen und seiner Kultur im besonderen.
Das Kulturministerium stellte zur dritten Vergabe des Titels „Meisterwerke des mündlichen und nichtmateriellen Weltkulturerbes“ der UNESCO das nationale Instrumentalspiel „Kjui“ für Dombra und andere nationale Instrumente vor. Der Titel wird an Kulturräume und Formen des kulturellen Ausdrucks in unterschiedlichen Regionen der Welt vergeben. Die Auszeichnung zielt darauf ab, die traditionelle und Volkskultur zu bewahren.
Die Veranstaltung unterschiedlicher Festivals und Konzerte ist eine der wirksamsten Formen der Kulturpolitik im In- und Ausland. Sie haben große Bedeutung für alle Bevölkerungsschichten, dienen dem beruflichen Fortkommen der Künstler, der breiten Informationsstreuung und dem Ausbau kultureller Infrastrukturen.
Doch beschränkt sich die „Festigung der Freundschaft“ im Kulturbereich nicht auf Festivals und Konzerte. Schwerpunkt der Arbeit ist auch die kulturelle Bildung der Bevölkerung. In diesem Bereich arbeiten die Ministerien für Kultur sowie für Bildung und Wissenschaft zusammen, um die Beziehungen zu anderen Ländern auszubauen und zu verbessern. Derzeit bemüht man sich um die Kontaktaufnahme zur kasachischen Diaspora in Deutschland, Rußland, Kyrgysstan und anderen Ländern.
Zudem wird im Ausland für kasachische Musik geworben. So ist die Teilnahme an renommierten internationalen Wettbewerben und Komponistenprojekten, an wissenschaftlichen Konferenzen und anderen Vorhaben zur Anbahnung eines Dialogs der Kulturen und Generationen vorgesehen. Um die kasachische Kultur umfassend zu präsentieren werden CDs eingespielt, wertvolle Musikinstrumente erworben und Fachleute aus dem Ausland eingeladen.
Auf den Weg gebracht wurde das Programm „Kulturerbe 2004 bis 2006“, das die Wiederherstellung bedeutender Monumente der Geschichte, Kultur und Architektur vorsieht. Vorgesehen ist die Schaffung eines einheitlichen Systems zur Erforschung des kulturellen Erbes, darunter der zeitgenössischen Nationalkultur, der Folklore, der Sitten und Bräuche, der nationalen Literatur und des Schrifttums, die Herausgabe von Kunst- und Wissenschaftsreihen, die Bildung eines Fonds der humanistischen Bildung in der Nationalsprache. Für die Umsetzung des Programmes stellte die Regierung 1,934 Milliarden Tenge bereit.
Literatur
Heute treten Dichter auf, die weder schreiben noch lesen können, und trotzdem beeindrucken sie mich mit ihren Begabungen… Ein Volk, das vom lieben Gott mit solchen Talenten beschenkt wurde, kann der Zivilisation nicht fremd bleiben: Deren Geist wird irgendwann bis in die kasachischen Wüsten durchdringen, wird hier die Funken des Lichtes entfachen, und dann kommt die Zeit, daß der jetzt nomadisierende Kasache einen Ehrenplatz unter den Völkern einnimmt, die heute von oben herab auf ihn schauen, wie die höchsten Kasten Indostans auf die armseligen Parias.“
Die mündliche poetische Kunst Kasachstans ist uralt und umfaßt mehr als vierzig Gattungen, darunter Legenden, Märchen, Sprichwörter, Brauch- und Rituslieder, heroische und lyrisch-epische Poeme. Über den Ursprung der mündlich-poetischen Volkstraditionen erfahren wir aus altturkischen Runenschriften, die für alle Turkvölker gleich bedeutsam sind.
Schon im 6. und 7. Jahrhundert benutzten die turksprachigen Stämme Zentralasiens, die das turkische Khanat bildeten, und die westturkischen Stämme an der Niederwolga, dem Don und im Nordkaukasus, die das Chasarenreich gründeten, eine eigene Schrift.
Die Quellen berichten von Holzbrettchen, auf die die Turkvölker Zeichen auftrugen, um zu bezeichnen, wieviele Menschen, Pferde, Steuern und Vieh man zählte. Ein turkischer Botschafter – Mannach aus Sogd -, der nach Konstantinopel zum Hofe von Kaiser Justinian kam, brachte eine Botschaft des turkisches Khans in der „Schrift der Skythen“ mit. Die Burguter Stele auf dem Grabhügel von Khan Taspar (er herrschte 572 bis 581) ist ein uraltes erhaltenes Denkmal, das beweist, daß ein breiter Kreis der gebildeten Elite der Turkgesellschaft innerhalb des Khanats die sogdische Schrift lesen konnte. Im Text wird von den Ereignissen der ersten dreißig Jahre des Khanats berichtet.
Zu der Zeit, als die Burguter Stele errichtet wurde, wurde zum ersten Mal das buddhistische Buch „Nirwana-Sutra“ in eine Turksprache übersetzt, um den Buddhismus unter den Turkvölkern zu verbreiten.
In den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts entdeckten der deutsche Wissenschaftler D. Messerschmidt, der im Dienst Peters des Großen tätig war, und sein Begleiter, der gefangene schwedische Offizier Johan Strahlenberg die altturkische Schrift im Tal des Jenissej. Sie waren überzeugt, Runen vor sich zu haben, da diese Schrift altskandinavischen Runentexten ähnelte.
1889 entdeckte der russische Wissenschaftler N. M. Jadrinzew die mit Runen bedeckten riesigen Steinstelen in der Nordmongolei im Tal des Flusses Orchon. Diese Runen dechiffrierten der dänische Wissenschaftler Wilhelm Thomsen, der den Schlüssel zu diesem Alphabet fand, und der russische Turkologe Wassili Radlow, der das Lesen dieser Schriften ermöglichte. Man nannte sie nach dem Ort ihrer Entdeckung das Orchono-Jenissejer Alphabet.
Dann fand man weitere Schriftdenkmäler in der Nordmongolei, auf dem Gebiet Mittelasiens und Kasachstans. Mehrere Runentexte der turksprachigen Völker in der Mongolei und im Jenissej-Gebiet sind nicht nur wichtige historische Dokumente, sondern auch herausragende Literaturdenkmäler. Die bekanntesten Runentexte rühmen den Bilge-Khan und seinen Bruder Kül-Tegin (732 bis 735) sowie den Berater des ersten Khans Tonykok (716). In der Karachanidenzeit vollendete sich der Prozeß der Entwicklung der Literatursprache der Turkvölker in den unendlichen Weiten Mittelasiens und Kasachstans.
Nach der Islamisierung Kasachstans verbreitete sich die arabische Schrift. Zu jener Zeit lebte der berühmte Wissenschaftler und Enzyklopädist Abu Nasr Al-Farabi, der seine Ausbildung in der Sprache der Kiptschaken (ein altturkischer Dialekt) bekommen hatte. Al-Farabi schrieb Traktate zur Rechtschreibung, zur Kalligraphie, zur Versdichtung und zur Rhetorik sowie hervorragende philosophische Rubay (Gedichte). Seine Musikabhandlung wurde in mehrere Sprachen der Welt übertragen. Die von Al-Farabi ausgearbeiteten und in seinen mathematischen Werken niedergelegten arithmetischen und geometrischen Verfahren in der Architektur gingen in den Städtebau im Nahen und Mittleren Osten ein. Aus der turkisch-kiptschakischen Schicht der Gesellschaft ging eine ganze Plejade hervorragender Dichter, Schriftsteller und Historiker hervor.
„Diwan lugat at-turk“ von Machmud al-Kaschgari ist einer der farbigsten Belege für das hohe kulturelle Niveau der Turkvölker im 11. Jahrhundert. Der Diwan ist vom Inhalt her umfangreich und gibt Einblick in die damals hochentwickelte Philologie. Er ist eine wahre Enzyklopädie des turkischen Lebens im Frühmittelalter, dient als Informationsquelle über das Leben der Turkvölker und hat eine besondere Bedeutung für die Erforschung ihrer Geschichte. Das originelle literarische Werk „Kutadgu Bilik“ verfaßte im 11. Jahrhundert Jussuf Balasaguni, ein hochgebildeter turkischer Dichter und Schriftsteller. „Kutadgu Bilik“ ist nicht nur eine ethische und moralische Abhandlung, sondern ein philosophisch-didaktisches Werk, das Balasaguni im Jahr 1069 in Altturkisch verfaßte und Bogra-Khan aus der Karachanidendynastie schenkte.
In der Geschichte der Turkvölker haben die Werke von Achmet Jugnaki einen Ehrenplatz, der die didaktische Richtung in der turksprachigen Literatur fortsetzte, deren Anfänge gerade in „Kutadgu Bilik“ liegen.
„Korkut ata kitabi“ („Buch des Großvaters Korkut“) ist eines der originellen Denkmäler der mittelalterlichen ogusisch-kiptschakischen Literatur – eine Sammlung patriotischer Aufrufe und Ausrufe der Ogusen und Kiptschaken, die das Land ihrer Väter in Kämpfen und Schlachten verteidigten. Erhalten geblieben ist der Diwan von Chodsha Achmet Jassawi, Sufist und Verfechter der moslemischen Lehre „Chikmet“. Sein Diwan ist im Gegensatz zu denen anderer orientalischer Autoren im ogusisch-kiptschakischen Dialekt der altturkischen Sprache geschrieben. Chodsha Achmet Jassawi ehrt man im Islam als zweiten Heiligen nach Mohammed, und sein Grab in Turkestan ist ein kleines Mekka.
Eines der wertvollsten und für alle Turkvölker bedeutsamsten mittelalterlichen Literaturdenkmäler ist „Ogusname“. Es basiert auf einer Legende, die aus der Herrschaftszeit der Ogusen stammt. Eine der alten Varianten des „Ogusname“ kennen wir dank Raschid Addin, eine neuere und vollständigere Version hinterließ der Historiker Abulgasy (18. Jahrhundert). Der kasachische Wissenschaftler Tschokan Walichanow (19. Jahrhundert) behauptete genau wie P. Pellue und W. Barthold, daß die neuere Variante ein kasachisches Epos sei.
Für die Geschichte der kasachischen Literatur spielen die Annalenbände „Shamagat Tauarich“ von Kadyrgal Shalairi und „Tarich-i-Raschidi“ von Muchammad Chajdar Doglati eine gewichtige Rolle.
Für die Entstehung und Entwicklung der kasachischen schriftlichen Literatur kommt der mündlichen poetischen Kultur eine immense Bedeutung zu. Denn diese gab damals nicht nur einen Anstoß zur Entwicklung der Literatur, sondern speist deren Fluß.
Im 15. bis 18. Jahrhundert erlebte die kasachische Poesie eine Blüte. In ihr spiegelte sich das Leben aus der Entstehungszeit des kasachischen Khanats und des kasachischen Volkstums wider. Die Dichtkunst ist untrennbar verknüpft mit den Shyrau – improvisierende Dichter und Erzähler. Sie brachten die Ideale mittelalterlicher Krieger und Nomaden, ihre sittlichen Werte und ihre Wahrnehmungen der Welt zum Ausdruck. Die Shyrau waren gute Kenner der Sagen und Bräuche sowie der Genealogien der Stämme und Völker. In Kriegszeiten nahmen sie an den zahlreichen Feldzügen teil, mehrere von ihnen waren Feldherren, wurden zu Helden, zu Recken. Sie schufen eine Vielzahl von Gedichten, aber alle hatten einen Bezug zum Kriegsleben. Ein Shyrau war nicht nur eine schöpferische Persönlichkeit, sondern auch Lehrmeister der Khane und Sultane. Er beeinflußte das politische Leben. Viele von ihnen hinterließen ein umfangreiches politisches Erbe.
Im 19. Jahrhundert beginnt eine neue Etappe in der Geschichte der kasachischen Literatur. Machambet Utemissow (1804 bis 1846) war im Volk als leidenschaftlicher Dichter und wagemutiger Krieger bekannt, der mit Wort und Schwert für die geistige Unabhängigkeit seines Volkes kämpfte. Er zeichnete sich durch Unbezähmbarkeit aus, durch seinen Ungehorsam und seine Unversöhnlichkeit gegen die Gewalt der Khane und der zaristischen Macht. Utemissow wurde zum Führer eines Aufstandes der Bukejewer Horde. Er fiel durch die Hand eines gedungenen Mörders. Seine Gedichte sind uns geblieben – voll des Pathos kriegerischer Freiheitsliebe und der Kraft der staatsbürgerlichen Stimme. Utemissows eigentümliche Poesie bereicherte die kasachische Literatur mit Themen und Ideen.
Die kasachische Sprache besaß schriftliche Traditionen, aber zur gesamtnationalen Literatursprache wurde sie erst dank der dichterischen Tätigkeit von Abai (Ibrahim) Kunanbajew (1845 bis 1904). Abai war ein großer Denker, ein unvergleichlicher Künstler des Wortes, Komponist und unermüdlicher Aufklärer – ein Genie seiner Zeit und eine herausragende Persönlichkeit Kasachstans. Bereits mit dreizehn Jahren beherrschte Abai Arabisch, Persisch, Tschagatai und Russisch, was ihm später seine tiefe Vertrautheit mit den Werken der Klassiker des Ostens ermöglichte. Er zeigte reges Interesse an der klassischen europäischen und russischen Philosophie und Literatur, die das Werden Abais zum unübertroffenen Meister des künstlerischen Wortes beeinflußten. Er übersetzte Puschkin, Lermontow, Krylow, Goethe, Schiller und Byron ins Kasachische. Abai schuf unsterbliche Werke nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Musik. Sein „Buch der Wörter“ ist ein prosaisches, religiöses und philosophisches Traktat, das die ganze Tiefe der mit Liebe zur gesamten Menschheit und zum Schöpfer gesegneten Volksweisheit zum Ausdruck bringt. Abai ist der nationale Stolz des kasachischen Volkes. Im Jahre 1995 feierte die UNESCO seinen 150. Geburtstag.
Die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts fügten der Literatur, Kultur und Wissenschaft Kasachstans immense Schäden zu. Viele herausragende Dichter, Schriftsteller, Wissenschaftler – die besten Vertreter der Intelligenz, Licht und Hoffnung Kasachstans – wurden zu Unrecht nationalistischer und dem Sozialismus gegenüber feindlicher Stimmungen bezichtigt und unter Stalin liquidiert. Unter ihnen auch die Begründer der kasachischen Literatur der Sowjetzeit – Saken Seifulin, Achmet Baitursynow, Myrshakil Dulatow, Iljas Dschansugurow, Sch. Ajmauytow und Sch. Kudaiberdyjew – sowie Hunderte andere glänzende Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft.
Muchtar Auesow (1897 bis 1961) war ein herausragender Schriftsteller, Wissenschaftler und Dramatiker der Sowjetperiode. Er spielte eine wichtige Rolle in der Entwicklung der realistischen Prosa. Seiner Feder entstammen zahlreiche Erzählungen, Powest, Theaterstücke und nicht zuletzt die Roman-Epopoe „Abais Weg“, die in viele Sprachen übersetzt wurde. Die Wendung hin zu den nationalen Quellen, die Berührung mit der Volkskultur, das Nachdenken über die sittlichen Grundlagen des Daseins erwiesen sich als wichtig für das Werk der Künstler, die zu Chronisten ihrer Zeit und der vielfältigen Wandlungen im Leben des kasachischen Volkes wurden.
Wer sind wir, woher kommen wir und wohin gehen wir? Diese ewigen Fragen sind heute besonders aktuell, denn das Gerippe der neuen kasachischen Literatur besteht aus der Generation, die in den 90er Jahren die literarische Bühne betraten. Sie sind die Erben von Askar Sulejmenow, Olschas Sulejmenow, Murat Auesow und Edige Tursynow, aber sie legen Wert auf andere Prinzipien der geistlichen und intellektuellen Tradition. Diese Generation stieg aus der Tiefe der nationalen Kultur herauf und fühlt sich frei – sowohl im Kontext der orientalischen als auch der westlichen Tradition. Zu nennen sind hier unter anderen die Dichter Aueschan Kodar, M. Akdauletow, E. Rauschanow, U. Esdauletow, A. Alimow und T. Abdikakimow, die Schriftsteller Sch. Schaschtajuly, S. Assylbekow, A. Askarow, M. Kulkenow, D. Aschimchanow und K. Schienbajew, die Literaturwissenschaftler und Kritiker A. Ismakowa, T. Schapajew, K. Schanabajew, Sch. Nurpeissowa, A. Mendeke und E. Amanschajew. Hoffentlich werden diese Autoren mit der Zeit neue Facetten im Dialog mit den Weltkulturen und Weltliteraturen entdecken.
Besonders hervorzuheben ist die gesellschaftliche Tätigkeit und das Werk des Kulturwissenschaftlers, Übersetzers, Dichters und Schriftstellers Aueschan Kodar, dessen hohe Professionalität und unermüdliche Arbeit die einzigartige Literaturzeitschrift „Tamyr“ hervorbrachten. Die Zeitschrift will die neusten intellektuellen und künstlerischen Ideen fördern und verbreiten sowie zugleich einer analytischen Kritik unterziehen.
Das ästhetische Zusammenwirken der kasachischen Literatur mit den Literaturen anderer Völker, die Gesetze ihrer Entwicklung und ihrer Prozeßhaftigkeit, indem man die künstlerische Welt eines anderen Volkes durchdringt und Erfahrungen einer anderen Literatur aufnimmt – all dieses jahrhundertelange Werden der kasachischen Poesie wurde durch die Traditionen der orientalischen Klassiker reicher.
Heute zählen zu den bekannten Persönlichkeiten des literarischen Lebens die Schriftsteller Wadim Dergatschow, Dmitri Chegai, Marat Otynschew, Almas Tollebajew, Sergej Bujanow. Bekannt sind das poetische Experiment „Superjigita“ und die Gedichte von Jerbol Schumagolow, Jerlan Askarbekow und Lilli Kalausa.

 

Architektur
Das Zentrum, der Raum über der Feuerstelle, war mit einem pyramidenartigen Dach aus Baumstämmen, der übrige Raum mit einem auf Pfeilern liegenden Brettersystem überdacht, die Wände bestanden aus flachen Natursteinen oder Rohziegeln. Solche Siedlungen wurden in Ata-su und Buguly in Zentralkasachstan gefunden. In der folgenden Zeit entstanden runde Wohnhütten, darunter auch auf- und abbaubare Jurten (Zelte), sowie rechteckige Gebäude mit Giebeldächern (Kystau).
So wie sich die Hausarchitektur schon in frühester Zeit wandelte, änderten sich auch die Formen und Typen von Grabstätten. Menhire und Dolmene aus der Steinzeit wurden nach und nach zu majestätischen Grabkomplexen riesenhafter Größe. Diese bestanden aus einer zentralen Steingruft mit Grabstätte (Zystu) und waren mit einem sogenannten falschen Gewölbe überdacht und ringförmig von Mauern umgeben. Sehr oft schüttete man über dem Bestattungsort einen riesengroßen Erdhügel (Kurgan) auf, dessen Durchmesser bis zu dreißig Meter betragen konnte. Die späteren Grabanlagen weisen rechtwinklige Ummauerungen aus Platten auf und haben einen Eingangsbereich. Die Überdachung liegt auf Pfeilern.
Mit dem Aufkommen feudaler Verhältnisse veränderte sich die Grundstruktur der Ansiedlungen. Es entstanden erste befestigte Paläste der Adeligen, die im Laufe der Zeit immer weiter zu Zitadellen ausgebaut wurden. Rund um die Zitadelle oder auch nur auf einer Seite der Zitadelle wuchs die von schützenden Mauern umgebene Stadt (Schachristan). Im Schachristan lagen die Kultgebäude, der Basar, die Wohnhäuser der Würdenträger und Beamten sowie der großen Kaufleute und Händler. Im Zuge der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung entstanden schließlich die Vororte (Rabate), in denen kleine Kaufleute und Händler sowie die Armen wohnten. Die Adelspaläste und die Verteidigungsanlagen – Festungmauern mit Türmen – wurden aus Rohziegeln und Steinblöcken errichtet.
In Taras wurden Terrakottakacheln unterschiedlicher Form entdeckt, die zur Verzierung größerer Kultgebäude bestimmt waren. Sie sind identisch mit dem architektonischen Dekor, das in den Palästen aus dem 5. bis 7. Jahrhundert in Aktepe (bei Taschkent), Pendschikent und Warachsch gefunden wurde.
Die wachsende Bedeutung der Städte für den Handel und die Wirtschaft führte zu einer Ausbreitung der Vorstädte, die sich östlich, südlich und westlich des Schachristan ausdehnten. Ende des 11. und Anfang des 12. Jahrhunderts errichtete man über den Ruinen der ehemaligen Paläste neue Paläste der Stadtregenten mit erweiterten Verteidigungssystemen.
In der Architektur Kasachstans wie in der ganz Zentralasiens gab es im 9. und 10. Jahrhundert große qualitative Veränderungen. Eine Blüte erlebte die Architektur im 11. und 12. Jahrhundert. Die dreiteilige Stadtstruktur mit Zitadelle, Schachristan und Rabat setzte sich allgemein durch. Die Verwendung von Backsteinen, die mit Gantschmörtel (Gips plus Lehm) gehärtet wurden, ermöglichte es, die Konstruktion der Zwischendecken zu verbessern und die Gewölbe über den Räumlichkeiten bedeutend zu erweitern. Backsteine verwendete man zunächst bei den wichtigen Baukonstruktionen und bei der Fassadenverkleidung von Rohziegelbauten. Als Beispiele seien die Türme Sarman-Kosa und Begim-ana im Gebiet Kysylorda genannt, die bis heute in ziemlich gutem Zustand erhalten sind. Diese beiden Baudenkmäler sind interessant vor allem auch unter dem Aspekt, wie sich uralte örtliche Bautraditionen bei Grabstätten mit zeltförmiger Überdachung erhalten haben. Verwiesen sei auf die Gruppe der Mausoleen von Tegisken aus dem 9. bis 6. Jahrhundert vor unserer Zeit und das Balandamausoleum aus dem 4. bis 2. Jahrhundert vor unserer Zeit.
Unter den Karachaniden erreichte die Architektur einen Höhepunkt. Auf dem Territorium Kasachstans sind Baudenkmäler aus der Karachanidenzeit wie die Mausoleen Babadshi-chatun (10. bis 11. Jahrhundert), Karachans (11. Jahrhundert), Aischa-bibi (11. bis 12. Jahrhundert) im Gebiet Shambyl sowie Shuban-ana (11. bis 12. Jahrhundert) und Dampfbäder in der Stadt Taras vollständig oder teilweise erhalten.
Das Mausoleum Aischa-bibi gehört zum zentrischen Typ der Memorialbauten. Es ist durchgehend mit Terrakotta mit reichen geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziert. Das Spiel von Licht und Schatten betont die leichte Durchbrochenheit des Gebäudes. Die Wandkonstruktion weist eine Besonderheit auf. Die im Grundriß quadratisch angelegten Mauern sind schichtmäßig gebaut.
Zu den herausragenden Baudenkmälern in Zentralkasachstan gehört das Mausoleum Ajakkamyr unweit der Stadt Sheskasgan. Es ist eine (8,10 mal 9,84 Meter) Grabstätte mit Portal und Kuppel. Die Hauptfassade wird von dem monumentalen Portal dominiert, der tiefe Eingangsbereich ist von einem schlanken, keilförmigen, auf Pfeilern ruhenden Bogen überdacht. Die Baumethode der dreidimensionalen Komposition und der kuppelstützenden Konstruktionen sowie die architektonischen und dekorativen Mittel aus dem 11. und 12. Jahrhundert lagen der weiteren Entwicklung der Architektur auf dem Territorium Kasachstans zugrunde.
Unter den Baudenkmälern in Zentralkasachstan ragt auch das Mausoleum Alasch-Khan (10. bis 12. Jahrhundert) aufgrund seiner künstlerischen und architektonischen Schönheit heraus. Der innen quadratische Raum und die Außenwände bilden ein Rechteck (9,73 mal 11,91 Meter), das von den dicken Mauern des Portals bestimmt wird. Die Fassaden sind mit flachen geometrischen Reliefs des Typs „Kerege“ und Rhombenmustern verziert. Dies verweist auf die Verbindung der Architektur der monumentalen Bauten mit dem Aufbau einer Jurte. Dank der strengen Proportionen der Kompositionselemente und des einfachen architektonischen Dekors wirkt das erhöht liegende Mausoleum aus einem Guß und monumental-majestätisch.
Ein einzigartiges Architekturdenkmal des ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhunderts ist die Mausoleums- und Moscheeanlage Chodsha Achmet Jassawi in der Stadt Turkestan. Das majestätische Gebäudeensemble besteht aus über dreißig Räumlichkeiten unterschiedlicher Größe und Funktion, die um den zentralen Saal (Kasanlyk) gruppiert sind. Der quadratisch angelegte zentrale Saal ist mit der größten spitzbögigen Kuppel Zentralasiens (Durchmesser 18,2 Meter) überdacht und liegt an der wichtigsten Längsachse der Anlage, hinter der tiefen Nische mit Spitzbogen des Hauptportals. In der Mitte des Kasanlyk stand ein riesiger, für die Zubereitung des rituellen Mahls bestimmter Bronzekessel (Kasan). Im Zentrum der Grabstätte Jassawis befindet sich der mit blaßgrünem Marmor verkleidete Sarkophag (Sagana). Die Grabstätte ist mit einer Doppelkuppel überdacht. Die innere Kuppel hat eine Spitzbogenform und ist mit Stalaktiten geschmückt. Die äußere gerippte Kuppel liegt auf einer hohen zylindrischen Trommel, die mit einem breiten Band aus Ornamenten, Aufschriften und einem Fries verziert ist. Die wichtigsten Räume sind die große Moschee, der große und der kleine Aksarai (Weißer Palast), die Bibliothek, die Ashana (Speisehalle) und der Kudukhana (Wasserbrunnen). Die Räume sind auf zwei Etagen durch vier Korridore mit dem zentralen Saal verbunden. Der altehrwürdige, monumentale Bau zeugt von der Macht des Timuridenreiches. Die Mausoleums- und Moscheeanlage ist eines der vier bedeutendsten Bauwerke, die unter Amur Timur errichtet wurden. Der Eindruck von Erhabenheit und Größe wird durch die enormen Ausmaße der mit einem Spitzbogen überdachten Portalnische (18,20 Meter breit) und dem Kontrast zwischen dem riesigen Portal (37 Meter hoch) und der kleinen Eingangstür in der Tiefe der Nische, die gerade mannshoch ist, erweckt. An der südlichen Seite dominiert ein wuchtiges Portal flankiert von zwei Ecktürmen, die im unteren Teil mit Facetten versehen sind. Hinter der riesigen blauen Kuppel des Kasanlyk sind die Kuppeln der Grabstätte und der kleinen Moschee zu sehen. Die Bedeutung dieses Baudenkmals für die Entwicklung der Baukunst Kasachstans war immens, einzelne Bauelemente und sogar Details dienten in den nächsten Perioden als Vorbilder.
Die Architektur im 13. und 14. Jahrhundert spiegelte die allgemeine Tendenz in der Baukunst der Völker Zentralasiens wider. Die Unterkuppelkonstruktionen wurden verbessert, zweireihige schlanke Trommeln entstanden und veränderten natürlich die gesamte Kompositionsstruktur der Bauten, mit Farbe überzogene Backsteine und Zierkacheln verliehen den Bauten einen feierlichen Charakter.
Die erhalten gebliebenen Kult- und Memorialdenkmäler aus dem 15. bis 18. Jahrhundert in den Steppenregionen Kasachstans lassen sich in drei Hauptgruppen gliedern: Kuppelmausoleen, Mauern und Grabsteine. Die Mausoleen werden nach ihrer Komposition in Turmmausoleen sowie Portal- und Kuppelmausoleen geteilt, die wiederum nach dem Typ der Überdachung in Kugel- oder Kegeldachmausoleen mit oder ohne Trommel gegliedert werden. Zu den Turmmausoleen des 15. bis 18. Jahrhunderts zählen unter anderem die Mausoleen Schik-Nijas und Karmakschi-ata im Gebiet Kysylorda sowie das Mausoleum in der Stadt Susak in Südkasachstan.
Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden insbesondere in Ostkasachstan kleinere pyramidenförmige Grabstätten aus Stein oder Rohziegeln mit drei bis sieben Etagen, die bis zu acht Meter hoch waren. Die im 15. bis 18. Jahrhundert gebauten Mausoleen von Ustjurt, Mangyschlak und im Uralgebiet erinnern an die Wohnwagen, die zum Alltag vieler Nomaden Eurasiens gehörten. Für diese fundamentlosen Mausoleen ist typisch, daß die Eingänge hoch liegen und Vorhängen oder Schirmwänden ähneln. Die Kuppeln endeten mit einem zylindrischen Giebeldach oder einer Kugel, die von einer Spitze gekrönt ist.
Mit der Veränderung der Nomadenrouten der Völker Kasachstans erfreuten sich die transportablen, auf- und abbaubaren Jurten, die zuvor nur wenig verbreitet waren, zunehmender Beliebtheit. Aufgrund ihrer Funktion und Konstruktion wurden sie in unterschiedliche Typen unterteilt. Die weit verbreitete Form besteht aus einem Gestell aus zusammenlegbaren Keregen (Wandgittern), die kreisförmig angeordnet werden. An den Keregen werden die Stangen befestigt, die sich nach oben zum Schanyrak (Rauchabzug) biegen und an diesem befestigt sind. Das Gerüst ist in der Regel rot gefärbt. Die Keregen werden von außen mit Tschijen (mit bunter Wolle umflochtene Rohrbastmatten) bedeckt, und von oben werden auf das Gestell Filzmatten aufgelegt.
Die Jurten der Bais (Würdenträger) wurden mit weißen, mit eingenähten oder aufgesetzten Mustern verzierten Filzmatten bedeckt. Die weiße Farbe hatte sakrale Bedeutung und war Symbol des Klanoberhaupts oder des Dorfältesten. Die Struktur der Ornamente folgte wie die gesamte Zeltkomposition einem bestimmten System: der Kreis des Rauchabzuges steht für die Sonne, die Uuken (gebogene Stangen) stehen für die Sonnenstrahlen, hängende Shel-Bau oder Bakanen (Stützen) für den Lebensbaum. Alle diese Motive finden sich auch in den Ornamenten der Filzmatten und Teppiche. In der Mitte der Jurte befand sich im Winter die Feuerstelle. Der Platz in der Tiefe der Jurte direkt gegenüber dem Eingang gilt als Ehrenplatz, rechts von der Tür befindet sich der Frauenwohnbereich mit entsprechenden Gegenständen und Möbeln. Die Tür wurde aus geschnitzten und bemalten Holzstücken gefertigt. Die Jurte besteht also aus einzelnen Modulen, grundlegendes Element ist die Kerege. Jede Kerege bildete ein Kanat (Flügel). Nach den Kanaten (zwischen fünf und achtzehn) wurde das Fassungsvermögen der Jurte bestimmt.
Mit dem Wachstum der Städte und der Wirtschaftsentwicklung in Kasachstan entstanden neue Fabrik- und Werksiedlungen sowie Dörfer, in denen Handel und Gewerbe betrieben wurde. Mit dem beginnenden Abbau der Bodenschätze entwickelten sich rasch die Bergarbeitersiedlungen in Karagandy, Uspensk, Sheskasgan, Ridder und Syrjanowsk sowie die Erdölarbeitersiedlungen Dossor, Makat und andere mehr. Es waren keine wohleingerichteten Siedlungen, sondern sie bestanden aus primitiven Häusern, aus Baracken und Jurten. Ein anderer Dorftyp war das russisch-ukrainische Kirchdorf, zudem gab es Dörfer, die aus kleinen Holz- oder Ziegelhäusern bestanden.
Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden neue Typen von Gebäuden und Bauten, es veränderten sich die Methoden der Stadtplanung und -bebauung, Traditionen der monumentalen Architektur erlebten eine Wiedergeburt, neue Baustoffe und -konstruktionen wurden verwendet und entsprechend änderten sich die architektonischen Formen und Mittel der künstlerischen und dekorativen Gestaltung.
Die Durchsetzung der Sowjetmacht in Kasachstan brachte grundsätzliche Wandlungen in der Baukunst mit sich. In der ersten Hälfte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts arbeitete man in den Städten aus der vorrevolutionären Zeit zumeist an der Verschönerung des Erscheinungsbildes beziehungsweise am Wiederaufbau der während des Bürgerkrieges zerstörten Gebäude. Die Sonderkommission der Staatlichen Plankommission Gosplan erarbeitete 1927 bis 1929 mehrere Typenschemata für Wohnhäuser, Profanbauten und sonstige Wirtschaftsbauten des Dorfes, um die landwirtschaftliche Entwicklung zu intensivieren und die Schaffung des „Kulturauls“ zu fördern.
Die in der Epoche des Sozialismus gebauten Häuser wiesen einige typische Besonderheiten auf: lakonische, mitunter geometrische Bauformen, längliche schmale (horizontale) Fenster und geschlossene Balkongeländer. Diese Besonderheiten waren in vielerlei Hinsicht durch die Gerüstkonstruktion der Häuser bedingt und von den Ideen des damals vorherrschenden Konstruktivismus beeinflußt. Die Architektur der Verwaltungsgebäude geht ebenfalls auf den Konstruktivismus zurück, der Struktur und Äußeres dieser Bauten prägte. Ein Beispiel ist das zwischen 1928 und 1931 erbaute ehemalige Regierungsgebäude in Almaty.
Der Konstruktivismus ist durch das Prinzip der funktionalen Gliederung städtischer Territorien gekennzeichnet, durch die Anlage größerer Stadtviertel, die Versorgung der Bevölkerung mit einem Netz kultureller und kommunaler Einrichtungen sowie durch ein hohes Niveau technischer und sanitär-hygienischer Ausstattungen. Die Zahl der Industrieunternehmen wurde begrenzt, die Stadt sollte ein Ensemble von Plätzen und Straßen sein, das Größe und Schönheit der sozialistischen Epoche widerspiegelte. Diese grundlegenden Prinzipien lagen der Stadtplanung von Schymkent, Atyrau, Petropawlowsk und Akmolinsk (heute Astana) zugrunde.
Mitte der 60er Jahre wurden Projekte für die Planung weiterer Großstädte der damaligen Kasachischen SSR realisiert: Ust-Kamenogorsk, Karagandy, Temirtau und Ekibastus. Charakteristisch für diese Städte sind einheitliche Hochhaussiedlungen.
Die Architektur Kasachstans machte im letzten Jahrzehnt einen qualitativen Sprung. Nicht nur in Astana, sondern in vielen anderen Städten wurden in den letzten Jahren interessante, in ihrer architektonischen Ausdruckskraft mitunter besondere Wohn-, Büro- und Geschäftshäuser, Flughäfen und Bahnhöfe, Kultureinrichtungen, Sportanlagen und andere Infrastruktureinrichtungen errichtet. Zu verweisen ist auf die einzigartige Brücke über den Irtysch in Semipalatinsk sowie auf eine neue Kirche und eine Moschee in Pawlodar, die renovierten Gebäude und Bauwerke in Turkestan, das vor einiger Zeit sein 1500jähriges Jubiläum feierte. Aufschlußreich sind auch die Entwicklungen in der Landschaftsarchitektur.
In Kasachstan tagt einmal im Jahr das „Forum der Architekten“, auf dem Bauunternehmen, die Departements für Architektur und Städtebau, staatliche Einrichtungen für Architektur, freie Architekten, Künstler und Designer, aber auch die Unternehmen, die auf Verkleidungsstoffe, Bauausrüstung und Software für die Projektierungsarbeit spezialisiert sind, ihre Entwürfe und Projekte vorstellen.